Vom Femina zum Ellington Hotel – Eine kleine Biographie der Nürnberger Straße 50-55

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02. September 2016

Das Gebäude des Ellington Hotels kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken. Es war seit jeher ein Fixpunkt des Berliner Nachtlebens und stets dem Jazz verbunden. Nicht zuletzt, weil sich einst der bedeutendste Berliner Jazzclub in diesen Räumlichkeiten befand.

Seit kurz nach seiner Eröffnung kooperiert das Ellington Hotel mit JazzRadio. Regelmäßige Konzerte in der Lounge oder im Sommergarten des Hotels finden ebenso statt wie der sonntägliche Jazzbrunch mit Livemusik. Darüber hinaus sendet JazzRadio aus dem gläsernen Studio in der Duke Lounge.

Diese Kooperation ist keineswegs ungewöhnlich, beruft sich das Ellington Hotel doch damit auf die Jazz- und Swingtradition des Gebäudes in der Nürnberger Straße 50-55, wo das Ellington Hotel heute beheimatet ist.

Das “Haus Nürnberg” wurde von 1928 bis 1931 erbaut. Der viergeschossige und 185 Meter lange Gebäudekomplex war ursprünglich als Bürogebäude mit Ladenfront im Erdgeschoss konzipiert. 1938 bezog die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein als erste vieler nachfolgender Verwaltungen die Büros im Vorderhaus.

Kaffee-TauenzientpalastBekanntheit sollte das “Haus Nürnberg” jedoch nicht für seinen Amtsmief, sondern für seine ausgelassene Partystimmung erlangen. Bereits am 1. Oktober 1929 eröffnete das “Femina”. Das Ballhaus bot Platz für 2.000 Besucher und verfügte über eine Tanzbar inklusive eigenem Tanzorchester im ersten Stock, welche gegenüber des Haupttanzsaals lag, der in zwei Rängen bis zum Dach anstieg und gleichfalls über ein eigenes Orchester verfügte.

Doch in der heutigen City West schlief die Konkurrenz ebenso wenig wie die nach Amüsement lüsternden Partygänger des Berliner Nachtlebens. Schon zwei Jahre nach der Eröffnung wurden erste Teilbereiche geschlossen oder wechselten den Betreiber. 1931 wurde beispielsweise das “Grand Café”, das im Erdgeschoss unter dem Ballsaal lag, zu Willi Schaeffers “Cabaret für Alle” umgebaut. Am 12. April 1933 schloss der Femina-Palast für die nächsten zwei Jahre. Einen Tag nach der Schließung war in der “Nationalzeitung” zu lesen:

„Als gestern Abend die ‚Tischdamen’ in Nerz und Dobermann vor den Portalen der Femina vorrauschten, fanden sie die Fenster des großen Tanzpalastes erloschen. Keine Jazzsynkopen klangen durch die Nacht, die Musiker standen melancholisch mit ihrem Geigenkasten im Torgang. Femina öffnete die Türen nicht mehr, die Gläubiger hatten am Mittag alle Stühle mit dem Gerichtsvollzieher abholen lassen.“

Erst zum Jahreswechsel 1935/36 eröffnete das Gebäude wieder und lud Gäste erneut zu Speis, Trank und Musik ein. Doch die neu eröffneten Lokalitäten “Schoppenstube” und “Siecherbräu” orientierten sich an bayrischer Gemütlichkeit und wollten mit einem deutsch-völkischen Ambiente lieber den neuen Machthabern gefallen. Kapellen der Wehrmacht, der SA, der SS oder der Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps sollten musikalisch aufmarschieren.

Aber der Wunsch nach unbeschwertem Vergnügen zu den Klängen einer von den Nazis verhassten und als entartet diffamierten Musik war stärker als das Diktat, sich einem arischen Zeitvertreib zu beugen. Der Femina-Palast wurde wieder zu einem Swingpalast mit großem Ballsaal und zahlreichen Nebenbars und -restaurants.

Selbst der Krieg ließ die jovialen Freudengesänge nur geringfügig verstummen. Der Ballsaal wurde geschlossen, in den übrigen Etablissements wurde dem Krieg zu trotz weitergeschwoft.

Während des Krieges wurde das rückwärtige Ballhaus zerstört, wohingehend das Vorderhaus weitestgehend unversehrt blieb. Nach dem Krieg hielt auch die Kultur wieder Einzug in den ehemaligen Femina-Palast. Bereits im Juni 1946 eröffnete Kabarett “Ulenspiegel”. Zwei Jahre später wurde der Saal zu einem Kino umgebaut, der 1958 wiederum zum “Berliner Theater” mutierte, wo bereits ein Jahr später ein gewisser Klaus Kinski an zehn Tagen hintereinander Villon, Rimbaud, Oscar Wilde und Gerhart Hauptmann rezitierte.

Eine neue Ära des Femina-Palastes wurde im Juli 1949 mit der Eröffnung der Badewanne im Kellergeschoss eingeläutet. Ursprünglich war die “Badewanne” ein von Malern initiiertes Künstlerlokal, welches jedoch nach gerade einmal dreizehn Monaten pleite ging. Eine Gruppe von Jazzliebhabern übernahm die Örtlichkeiten und belebte die “Badewanne” als Jazzclub wieder. Amerikanische GIs fanden ebenso ihren Weg in die Kellerbar wie zahlreiche internationale Jazzgrößen. Unter anderem boten Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Duke Ellington ihre musikalischen Fähigkeiten dar.

Aber zwanzig Jahre später waren die Glanzzeiten der “Badewanne” vorrüber. In den siebzigern übertönten Schlager und Disco den guten alten Jazz, wodurch die Nürnberger Straße 50/51, in der die “Badewanne” beheimatet war, ihre Anziehungskraft verlor. Die 1978 in den Räumlichkeiten der Badewanne eröffnete Diskothek “Sugar Shack” sowie ihr Nachfolger “Garage” waren keine Publikumsmagneten.

Stattdessen ging die Post von nun an eine Tür weiter ab. In der Nürnberger Straße 53 eröffnete am 15. Oktober 1978 der Tanzclub “Dschungel”. Anstatt Jazz herrschte nunmehr der trendige New Wave vor. Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen fand sich die künstlerische Avantgarde jener Tage in der schicken Szenedisco ein. Die Musiker Nick Cave, Iggy Pop, David Bowie und Blixa Bargeld sollten ebenso Stammgäste gewesen sein wie Ben Becker und Benno Führmann, während Rio Reiser gelegentlich als DJ auflegte. Mick Jagger, Frank Zappa, Prince und andere Weltstars verbrachten im “Dschungel” die Nächste nach ihren Berlin-Konzerten.

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Aber aller Ruhm ist vergänglich und was einst als avantgardistisch galt, ist schon bald Schnee von gestern. Der Siegeszug des Techno in den 80er Jahren ließ die Attraktivität des “Dschungels” verblassen. Der einstige Szenetreff, der sich als Berliner Pendant zum legendären “Studio 54” in New York verstand, schloss 1993. Der Nachfolger – ein Edelrestaurant gleichen Namens – hielt sich lediglich bis 1996. Im selben Jahr verließ auch die Senatsverwaltung für Finanzen das “Haus Nürnberg”. Sie bezog die Büroetagen 1951 und machte den ehemaligen Ball-, Kino-, und Theatersaal 1973 zur hauseigenen Personalkantine.

Wie so vieles in Berlin nach dem Mauerfall stand das gesamte Gebäude von nun an leer und verwahrloste. Erst nach neunjährigem Leerstand konnten neue Eigentümer mit einem neuen Nutzungskonzept gefunden werden. Nach zweijähriger denkmalgerechter Sanierung, während der die Fassade und die Innenstruktur weitestgehend beibehalten wurden, eröffnete am 15. März 2007 das Ellington Hotel seine Pforten.

Die architektonische Tradition der Nürnberger Straße 50-55 wurde gewahrt. Die geistig-kulturelle Tradition mit ihrer Liebe zur Musik soll mit der mittlerweile langjährigen Zusammenarbeit mit JazzRadio fortgeführt werden. Lediglich mit der Jahrzehnte langen Tradition, ein Hort des Amtsschimmel zu sein, brach man im heutigen “Haus Nürnberg” bereitwillig.

Benny Krüger studierte Literatur und Philosophie in Hannover und Berlin

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