Notes From New York – Hosen runter in der U-Bahn und darf der Bürgermeister Pizza mit Messer und Gabel essen?

sheilejordan
13. Januar 2014

Pants Down Sunday war heute mal wieder in New York – in der Subway waren wieder Dutzende Leute ohne Hosen unterwegs. Nur so. Weil’s schön macht wahrscheinlich. Und während hier ernsthaft diskutiert wird, ob der neue Bürgermeister di Blasio seine Pizza mit oder eher ohne Besteck essen soll, stürze ich mich lieber ins Winter Jazzfest.

Die Konferenz ist am Freitag mit unserem Panel, auf dem ich als Gastsprecher dabei war, und einem Panel zum Blue Note-Geburtstag, bei dem Robert Glasper, Jason Moran und Bruce Lundvall anwesend waren, zu Ende gegangen.
Nach etlichen Gesprächen und Meetings und Drinks traf ich bei der anschliessenden Reception auf Sheila Jordan. Die mittlerweile 86jährige Legende hatte ich in den 90er Jahren mal in ihrem Apartment in der 18. Straße interviewt und in den Jahren einige Male wieder getroffen. Es gab viel zu erzählen (im Bild).

Beim Winter Jazzfest waren wieder 7-9 Clubs vertreten, die alle bequem in Laufweite waren, darunter Groove, die Zinc Bar, Subculture und Poisson Rouge. Gleichzeitig liefen in allen Clubs von 18 Uhr bis 4 Uhr morgens eine Menge Showcases. Ich entschied mich unter anderem für den Abend im Groove mit den neuen Signings des wieder auferstandenen Okeh Labels. Gitarrist Nir Felder, Schlagzeuger Jeff Ballard oder Sängerin Somi waren dabei. Am ehesten hat mich Trompeter Theo Croker beeindruckt, der mit seinem souligen Groovejazz am ehesten in den viel zu lauten Club passte. Dee Dee Bridgewater, die auch das Album produzierte, kam für “I Can’t Help It” auf die Bühne.

Aber auch tagsüber gab es Showcases-organisiert von den entsprechenden Labels bzw Artist Managern, die alle gleichzeitig liefen. Da ist es schwer, eine Entscheidung zu treffen. Ich gehe zu den etwas experimentelleren Künstlern von Fully Altered Media und sehe Theo Bleckmann wieder, der mit Gitarrist Ben Monder ein ungewöhnliches Vokalset im 5. Stock des Lincoln Centers bietet. Seine akrobatischen Eskapaden mit elektronischen Mitteln noch verstärkt, sind irgendwie out of this world.

Zuvor hat der ungeheuer verspielte Ryan Keberle an der Posaune gezeigt, daß die Zukunft für dieses Instrument rosig aussieht. Nicht ganz nachvollziehen konnte ich seine Besetzung mit einer Sängerin, die durch ihre Laute irgendwie verstörte.
Auch die Kollegen von In Touch Entertainment hatten ihre Künstler zum Showcase angeboten: im Klavierhaus in der 58. Straße. Hier treffe ich auch Jon Regen wieder, dessen Set ich leider nicht sehen kann. Dafür aber Paulette McWilliams, eine der meist beschäftigten Backgroundsängerinnen überhaupt. Sie arbeitete mit Quincy Jones oder Michael Jackson und 20 Jahre lang mit Luther Vandross. Ihre herrliche Bassstimme ist absolut einmalig – ich hätte mir für sie aber ein etwas anspruchsvolleres Repertoire gewünscht. Nat Adderley Jr. und Vincent Herring gehörten zur Band.

Gail Boyd ist eine sehr umtriebige Managerin, die für dieses Jahr gleich drei neue Künstler verpflichtet hat. Im Yamaha Studio an der 5th Avenue Höhe 54. Straße präsentiert sie ihren exotischen Mix: den Pianisten Andy Milne mit einem Soloprogramm mit Filmmusik und einem Song von Sting, den Saxofonisten JD Allen mit einem hypnotischen, Suite-ähnlichen und sehr intensiven Set, die neapolitanische Sängerin Letizia Gambi mit Lenny White mit einer Mischung aus Folklore (Akkordeon und Cello) und Jazz, die sehr virtuose Pianistin Helen Sung, die demnächst auf Concord ihre neue CD rausbringt, und die vom Broadway kommende Lynnie Godfey mit einem tadellosen Auftritt.
Am frühen Abend erinnert mich Brenda Russell bei ihrem Auftritt in Joe’s Pub daran, wieviele tolle Songs sie seit 1979 geschrieben hat. Brenda war in toller Form!

Im Hilton Hotel sah ich dann noch zwei Showcase-Auftritte von der beeindruckenden Jazz- und Bluesstylistin Cynthia Holiday und von der Cabaret-Sängerin Karen Oberlin, die ihr Doris Day-Programm vorstellte. Nicht schlecht. Meine Ohren qualmen jetzt allerdings. Zwei Tage hintereinander jeweils 12 Stunden mit Livemusik sind nicht ohne – dafür bringe ich eine Menge neuer Musik für unser Programm mit.

Matthias Kirsch

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