Jazzstudie 2016 – Till Brönner ist die Ausnahme

jazzstudie
27. Dezember 2016

Wie lebt es sich als Jazzmusiker in Deutschland? Die Jazzstudie 2016 versucht diese Frage zu beantworten, indem sie die “Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusiker/-innen in Deutschland” – so der Untertitel – statistisch beleuchtet. Ziel war es, insbesondere den wirtschaftlichen Status der Jazzszene und ihrer Mitglieder mittels wissenschaftlicher Analyse zu ermitteln. Damit sollte nicht nur etwaigen Stereotypen entgegengewirkt werden, sondern vor allem eine fundierte Aussage über die soziale und ökonomische Lage professioneller Jazzmusiker getroffen werden. Dank empirischer Daten lassen sich eventuell Missstände erkennen, woraufhin sich politische Forderungen formulieren ließen, um die Bedingungen, unter denen man sein Geld mit Jazz verdient, zu verbessern.

Die Autoren der Studie sind Dr. Thomas Renz und sein Mitarbeiter Maximilian Körner vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Die Initiatoren des Projekts waren das Jazzinstitut Darmstadt, die Union Deutscher Jazzmusiker sowie die IG Jazz Berlin. Auf Basis eines eigenserstellten Fragenkataloges wurde im Juni 2015 eine Onlinebefragung durchgeführt, aus der sich mehr als 2.100 verwendbare Datensätze ergaben. Zum Vergleich: in der Künstlersozialkasse sind über 4.600 selbstständige Jazzmusiker versichert. Nach der statistischen Auswertung wurden die Ergebnisse im September 2015 mit 15 Experten aus Musikwirtschaft, Musikhochschulen, Ministerien, Veranstaltungswirtschaft und Musikpraxis diskutiert, um erste Interpretationsansätze und mögliche weitere Ausrichtungen der Studie anzuregen. Zur Verdichtung und Erklärung der statistischen Ergebnisse wurden in einem letzten Schritt sechs weitere qualitative Leitfadeninterviews mit Jazzmusikern durchgeführt.

 

Der idealtypische Jazzmusiker

Die biographischen Eckdaten des fiktiven Durchschnittsjazzmusikers – nennen wir ihn anspielungsreich Jimmy Jazz – würden sich auf Basis der vorliegenden Studie wie folgt lesen. Aktuell ist Jimmy Jazz um die 30 Jahre alt und männlich. 80% aller Jazzmusiker in Deutschland sind männlich. Den weiblichen Musikern entsteht daraus aber kein Nachteil in Bezug auf ihr Einkommen. 86% der weiblichen Jazzmusiker sind übrigens Sängerinnen.

Jimmy entstammt einem bildungsnahen Elternhaus, dass seine Jazzkarriere unterstützte. Bevor er mit Jazzunterricht begann, genoss er allerdings Instrumentalunterricht in klassischer Musik. Erst im Alter von 16 Jahren entflammte seine Begeisterung für Jazz. Sein Interesse daran wurde jedoch nicht durch den Musikunterricht der öffentlichen allgemeinbildenden Schule, die er besuchte, gefördert. Sein Jazzunterricht wurde von einem Privatlehrer geleitet. Am wahrscheinlichsten spielt Jimmy Schlagzeug oder Piano.

Bis zu seinem 20. Lebensjahr nahm Jimmy an verschiedenen Jugendförderprogrammen wie dem Landesjazzorchester oder Wettbewerben wie “Jugend jazzt” teil. Derartige Förderprogramme sind wichtige Einstiegsmöglichkeiten in die professionelle Jazzkarriere. Nachdem die Entscheidung für eine solche fiel, nahm er wie 78% seiner Musikerkollegen ein Jazzstudium an einer staatlichen Musikhochschule auf.

 

Von der Ausbildung zum Beruf

Neben der musikalischen Ausbildung ist das Studium nicht zuletzt für die eigene Netzwerkbildung von Bedeutung. Während des Studiums ging Jimmy ersten Tätigkeiten als Musiklehrer nach und spielte bereits in Bands – zumeist in Quartetten ohne feste Hierarchien und mit unterschiedlichen musikalischen Stilen. An seinem Studium bemängelte er jedoch das Fehlen von Inhalten bezüglich administrativem Wissen oder Selbstvermarktung.

Da bereits im Studium mit Konzerten und Unterricht Geld verdient wurde, ist der Übergang zum Berufsleben fließend. Heute gehört Jimmy zu den 74% aller in Deutschland lebenden Jazzmusikern, die ihr Einkommen ausschließlich als Musiker oder Musiklehrer erzielen. Er lebt mit seiner festen Partnerin oder Ehefrau in einer Mietwohnung in Berlin – neben Köln die Jazzhochburg in Deutschland – und hat keine Kinder. Dass sie keine Kinder haben, begründet er wie die meisten seiner Kollegen mit seinem begrenzten finanziellen Spielraum. Denn Jimmy gehört zu den 72% der Jazzmusiker in Deutschland, die mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht zufrieden sind.

 

Verdienstmöglichkeiten

Jimmy verdient mit Jazz maximal 12.500 Euro im Jahr. Im gesamten Jahr 2014 kam er auf maximal 25 Liveauftritte. Dabei erhielt er pro Auftritt eine Gage von gerade einmal 50 Euro. Speziell in Berlin ist das nichts ungewöhnliches. 44% aller Auftritte in Berlin werden mit höchstens 50 Euro entlohnt. Jimmys Wunschgage liegt bei ungefähr 250 Euro pro Auftritt. 84% aller Jazzmusiker liegen jedoch unter dieser Marke.

Gerade in den Metropolen herrscht ein hoher Konkurrenzdruck. Derzeit gibt es deutschlandweit so viele Jazzmusiker wie nie zuvor. Durch das Überangebot an guten Musikern behalten die Veranstalter in den Preisverhandlungen die Oberhand. So gehört auch Jimmy zu den 56%, die schon mal einen Job nicht bekommen haben, weil jemand anderes günstiger war. Durch das gegenseitige Unterbieten aufgrund des Konkurrenzkampfes entsteht ein Teufelskreis des Gagendumping.

Jimmy gehört folglich zu der Mehrheit (66%), die neben Auftritten im Jazz auch in anderen Genres aktiv ist – am häufigsten in der Popmusik. Trotz der bescheidenen Verdienstmöglichkeiten ist und bleibt die Bühne der wichtigste Ort des künstlerischen Schaffens. Aber aus ökonomischer Notwendigkeit zählt Jimmy beinahe zwangsläufig zu den 70%, die ihr Einkommen neben der Tätigkeit als Livemusiker vor allem aus ihrer Tätigkeit als Musiklehrer beziehen. Jimmy gibt im Schnitt 6-10 Unterrichtsstunden pro Woche und erhält dabei 30-40 Euro pro Stunde. Sowohl als Livemusiker als auch als Privatlehrer ist er Freiberufler.

 

Sozialleistungen und staatliche Förderung

Dank der Künstlersozialversicherung ist er zwar krankenversichert, aber aufgrund des vergleichsweise niedrigen Jahreseinkommens droht ihm als Rentner die Altersarmut. Privat vorzusorgen oder für schlechte Zeiten zu sparen ist wegen der prekären Einkommenssituation entsprechend schwierig. Hinzukommt, dass Jimmy sogar noch in seine professionelle Musiktätigkeit investieren muss. 2014 gab er durchschnittlich 4.887 Euro für Fahrtkosten, Instrumente, Proberaummieten und dergleichen aus.

Prinzipiell könnte Jimmy versuchen, Fördermittel beispielsweise für Reisekostenzuschüsse zu beantragen. Doch gehört er zu der Hälfte, die keine Fördermittel in Anspruch nehmen. Der Hauptgrund hierfür ist schlicht die fehlende Kenntnis von Förderangeboten.

Ebenso gering ist die Bereitschaft unter den deutschen Jazzmusikern, sich in Verbänden oder ähnlichem politisch zu organisieren. Obwohl sich Jimmy eine generelle politische Stärkung der Jazzmusik wünschen würde, ist er bisher nicht auf die Idee gekommen oder hat keine Ahnung davon, wie man sich organisieren könnte.

 

Künstlerische Schaffenskraft als Komponist

Ein wesentlicher Bestandteil der Berufspraxis als Jazzmusiker stellt neben den Konzertauftritten und der Lehrtätigkeit natürlich noch das Komponieren und Aufnehmen neuer Stücke dar. In seiner gesamten Karriere hat Jimmy ein bis fünf Alben aufgenommen. Doch ist er wie 61% seiner Berufskameraden der Ansicht, dass die eigene Tonträgerproduktion zwar künstlerisch notwendig ist, sich finanziell hingegen nicht lohnt. Trotz der fehlenden Gewinnerwartungen komponiert er eigene Stücke. Fast Zweidrittel tun es ihm gleich. Dabei erhält sogar regelmäßig Vergütungen aus Verwertungsgesellschaften wie der GEMA. Diesbezüglich ist es interessant zu sehen, dass sich die zeitgenössische Jazzmusik und ihre Protagonisten nicht darauf beschränken, bestehendes Liedgut lediglich neu zu interpretieren, sondern sich der eigenen, schöpferischen Gestaltung neuer Werke widmen.

Alles in allem kommt Jimmy mit Auftritten, Lehrtätigkeit sowie dem Komponieren und Aufnehmen neuer Stücke auf eine 40-50 Stundenwoche.

 

Ein Beruf aus Idealismus

Obwohl Ruhm und Reichtum à la Till Brönner für den durchschnittlichen Jazzmusiker in Deutschland kaum zu erreichen sind, hält er an seiner Leidenschaft fest. Leute wie unser fiktiver Jimmy Jazz sind weniger Karrieristen, sondern viel mehr Idealisten, die ihrem Traum von künstlerischer Selbstverwirklichung ausleben wollen. Unabhängig vom Markt bereichern sie mit künstlerischer Innovation die Kulturlandschaft und leisten als Musiklehrer einen enormen Beitrag zur kulturellen Bildung der Menschen aller Altersgruppen, wie die Studie betont. Umso wichtiger ist eine aktive Kulturpolitik, die die kulturelle und künstlerische Diversität nicht nur finanziell fördert. Denn der freie Markt, der sich am Geschmack des Mainstreams orientiert, hat keinen Platz für Nischenprodukte.

Speziell der Jazz kann laut den Autoren der Studie nicht allein an den privatwirtschaftlichen Musikmarkt ausgelagert oder in den Kriterien der kommerziellen Kulturwirtschaft gemessen werden. Künstlerische Innovationen sind in der Regel kaum marktfähig und bedürfen genauso einer angemessenen öffentlichen Förderung wie andere zeitgenössische Kunstformen.

 

Benny Krüger

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