Berlin: Europas Hauptstadt des Jazz 

P. Grassmann’s erstklassiges Jazz & Stimmungs-Trio“ – Werbefoto aus den 1930er-Jahren
29. März 2014

Jazz Professorin Judy Niemack bespricht ‘Jazz in Berlin’, eine neue Darstellung des Jazz in der Spreestadt von Rainer Bratfisch:

Wunderschön gestaltetes, herrlich gedrucktes und qualitativ hochwertiges Buch. Ein Muß für Jazz Aficionados allerdings mit einigen Ungenauigkeiten.

Rainer Bratfisch, Musikjournalist und langjähriger Kenner der Berliner Jazzszene, hat ein Buch über die Geschichte des Jazz in der neuen europäischen Jazzhauptstadt Berlin geschrieben. Warum jetzt? Wenn man mit Jazzmusikern in New York, Paris oder London spricht, dann ist da diese Begeisterung über die Berliner Szene. Jeden Tag kommen immer mehr Jazzmusiker nach Berlin – sowohl aufstrebende als auch professionelle. Sie alle hoffen, am neuesten Schmelztiegel der kreativen Musik teilhaben zu können. Sie finden traditionellen, Big Band, Avantgarde, Free, Electronic, Brazilian, Fusion, und Bebop Jazz und jeder inspiriert den anderen. Dadurch entsteht diese weltweite Anziehungskraft unter Jazzmusikern. Es ist die perfekze Zeit, um zurück zu blicken auf 100 Jahre Jazz in Berlin.

Als Mitglied der International Society for Jazz Research in Graz seit 1972, Journalist beim “JazzPodium”, bei “Melody and Rhythm” und Autor zahlreicher Bücher über Jazz, hat Herr Bratfisch seit 1965 die Berliner Jazzszene aus erster Hand kennengelernt. Er schreibt sehr leidenschaftlich über sein Thema und in seinem Vorwort beschreibt er den Jazz als einen Stil, der ständig in Bewegung ist, so wie die Stadt Berlin, was nicht adäquat chronologisch aufgeführt werden kann, aber weil sie durch die Kultur, Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft geformt wurde, als eine Geschichte erzählt wird.

Daher beschreibt das Buch Jazz nicht nur als Musikstil, sondern auch als Lifestyle mit Biographien von wichtigen Persönlichkeiten und Kapiteln über wichtige Orte für Jazz in Berlin. Es geht mit uns auf eine faszinierende Reise von 1877 bis heute, beginnend mit amerikanischen Gospelgruppen, später mit den Roaring Twenties, Cabaret und Filmmusik, Swingmusikern der 30er Jahre, Jazz im Dritten Reich, Nachkriegsjazz als “degenerierte Musik” unter dem Nationalsolzialismus, und der gleichzeitigen Entwicklung im Westen.

Die Auftritte von großen amerikanischen Jazzkünstlern in den 50er Jahren werden ebenso dokumentiert wie die Clubszene der 60er Jahre, das Aufkommen der kraftvollen Free Jazz-Bewegung und der Jazz nach der Wiedervereinigung bis heute inklusive Labels, Studios und Radio vervollständigen die reichhaltige Geschichte.

Das Buch behandelt 100 Jahre auf 472 Seiten mit 500 Photos und Illustrationen und ist daher, sowohl im Preis als auch bei der Menge an Informationen, ein echtes Schwergewicht. Aber für den Jazzliebhaber ist es durchaus lohnenswert. Es ist eine aufwendige Produktion was das Design, Papier und Druckqualität angeht sowie der Ergänzung so vieler seltener Photos, Poster, Karten, Plattenlabels, Noten und Zeichnungen. Es gibt eine extra eingerichtete Abteilung für Musikerbiographien, eine Liste mit Literaturverzeichnis, eine Inhaltsangabe nach Namen und sogar ein DIN A3-Poster.

Es hätte jedoch noch eine weitere Korrekturlesung stattfinden sollen, um etwa Ungenauigkeiten bei der Bildbeschriftung auszubessern. Viele der aktuell wichtigen Namen der Berliner Jazzszene wurden völlig ausgelassen, was hoffentlich in der nächsten Ausgabe behoben wird. Auf jeden Fall ist dies ein beeindruckendes, unterhaltsames und aufklärerisches Buch.

Rainer Bratfisch, “Jazz in Berlin”, NICOLAI VERLAG 2013, 472 Seiten 129,00 Euro

ISBN 978-3-89479-802-4

Judy Niemack ist Jazzsängerin und Professorin für Gesang am Jazz Institut Berlin.

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